Worauf wir stolz sein können

Worauf wir stolz sein können

Florian Russi

2. überarbeitete und neu gestaltete Auflage 2005, 172 Seiten

ISBN: 978-3-937601-16-8
Preis: 9,80 €

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Darf ein Volk stolz sein?

Müssen Deutsche, um ihr Selbstbewusstsein aufzupolieren, die Frage aufwerfen, ob andere ein "Tätervolk" gewesen sind? Bis in die Gegenwart gibt es genügend Gründe, die dazu berechtigen, auch stolz zu sein auf Deutschland und seine Geschichte.

Mehr als 280 bedeutende deutsche Persönlichkeiten, Leistungen, Unternehmungen, Erfindungen und Ereignisse stellt Florian Russi in diesem Buch vor. Sie alle haben dazu beigetragen,ein positives Bild Deutschlands in Europa und der Welt zu zeichnen. Das Fazit seiner Untersuchung ist: Wir sollten weder nörgeln noch jammern noch überheblich sein, sondern uns auf unsere Stärken und Fähigkeiten zu besinnen. Dann haben Deutschland und die mehr als 82 Millionen Menschen, die dort leben, auch zukünftig Zukunft.

Leseprobe

Stolz sein?

Lange habe ich nach einem anderen Wort gesucht, mich dann jedoch entschieden, „stolz“ zu bleiben.

„Brave freuen sich der Tat“, sagte Goethe. Kann man sich aber heute noch über etwas freuen, was vor vielen Jahren geschah?
Im Jahr 1954 hat sich das deutsche Volk über den Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft gefreut. Aus der Distanz von inzwischen 50 Jahren ist das nicht mehr möglich. Der ewige Fan, der sich ständig über dasselbe Ereignis freut, wirkt eher peinlich. Also freuen wir uns heute nicht mehr, aber sind immer noch stolz auf die „Helden von Bern“. Warum? – Weil sie neun Jahre nach dem Ende der Nazizeit gezeigt haben, dass Deutschland nicht nur kriegerisch, brutal, mörderisch und hässlich sein, sondern auch im fairen Wettbewerb eine Rolle spielen konnte. Das hat den anderen Völkern nicht geschadet und der deutschen Seele gutgetan.

Wenn Eltern das bestandene Examen ihres Kindes feiern, können sie sagen: „Wir freuen uns über deinen Erfolg“. Das klingt jedoch eine Tonlage tiefer, als wenn sie erklären: „Wir sind stolz auf dich, mein Sohn/meine Tochter“. Weil sie ihr Kind glücklich machen wollen und weil sie tatsächlich stolz sind, werden sie das auch zum Ausdruck bringen.

Das Wort „stolz“ kann einen negativen Beiklang haben. Man denkt an „gestelzt“. Auf Stelzen gehen die, die sich über andere erheben möchten. Auf Stelzen bauen aber auch jene, die nicht wollen, dass ihre Häuser im Meer, Sumpf oder Morast versinken. Der Stolz, wenn er nicht als Arroganz auftritt, kann die natürliche Voraussetzung dafür sein, dass man frei, unbefangen und unbelastet leben und seine Umwelt gestalten kann. Gedrücktheit, Beklemmung, Mutlosigkeit sind schlechte Voraussetzungen für die Entwicklung einer Person oder eines Volkes.

Auch die Wörter „froh“ oder „glücklich“ scheinen mir im Verhältnis eines Bürgers zu seinem Staat und dessen Geschichte nicht geeignet.
Wenn ich stolz darauf bin, Deutscher zu sein, und dasselbe in Entsprechung von einem Franzosen, Ungarn, Russen, Inder oder Äthiopier erwarte, kann ich mich auf gleicher Augenhöhe wunderbar mit ihm verständigen. Was aber, wenn ich ihm sage: „Ich bin froh darüber, Deutscher zu sein“? Klingt das nicht wie: „Das ist gerade noch mal gut gegangen“ oder „Tut mir leid für dich, dass du nicht auch...“?

Gerne bekennen wir uns dazu, stolz zu sein auf die Beiträge deutscher Autoren zur Weltliteratur. Doch nicht einmal im literaturwissenschaftlichen Seminar werden wir uns zu dem Satz hinreißen lassen: „Wie glücklich sind wir über unseren Thomas Mann.“
Froh und glücklich sind Menschen, die etwas erreicht, selbst etwas Besonderes geleistet haben. Gerne freuen wir uns mit ihnen. Danach aber sind wir nur mehr stolz auf sie. Damit werden sie einverstanden sein.

Wir haben uns selbst gelegentlich – vielleicht in Überheblichkeit – als „Volk der Dichter und Denker“ bezeichnet. Die Verantwortlichen für die Nobelpreisverleihungen sahen das offenbar anders. Nur acht Nobelpreise für Literatur, dagegen 26 für Chemie, 14 für Medizin, 20 für Physik wurden an Deutsche verliehen.

Das kann unseren „Stolz“ vielleicht zu einer wichtigen Erkenntnis führen: Mehr als Dichter und Denker waren und sind (?) wir ein Volk von Tüftlern, Bastlern, Erfindern und Experimentatoren.